„The Game Changers“ – Fakten oder Fiktion über vegane Sporternährung?

Von essenzielles

Vielen Sportlern ist seit dem Film „The Game Changers“ der Gusto auf Steak, Buttermilch & Co vergangen. Die starken Bilder, die James Cameron gekonnt einsetzt, wirken sehr überzeugend. Wir aber vermissen sachliche Objektivität.

Ein veganer Speiseplan punktet mit sehr vielen Vorteilen für Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Dennoch muss man mit einer uneingeschränkten Empfehlung sehr vorsichtig sein. Vor allem wer ehrgeizig seine sportlichen Ziele verfolgt, sollte viele Aussagen fachlich verifizieren. Wie wissenschaftlich stichhaltig sind die im Film präsentierten „Fakten“ tatsächlich? Wir klären auf.

Worum geht es in „The Game Changers“?

Die Grundaussage des Films: Vegan essende Sportler sind leistungsfähiger, leben gesünder und länger. Es werden Athlet*innen vor den Vorhang gestellt, die sich vegan ernähren – „die schnellste Frau“, „der stärkste Mann“, „der beste Tennisspieler“ etc. Die Botschaft scheint anzukommen. Immer mehr ambitionierte Sportler erklären uns, sich aufgrund des Films von nun an vegan ernähren zu wollen.

Essenzielle Kritikpunkte am Film

1. Präsentierte wissenschaftliche Beweise halten einer kritischen Prüfung nicht stand

In „The Game Changers“ gibt es nur eine Wahrheit. Alles andere wird ausgeblendet. Wir vermissen objektive Fachmeinungen, evidenzbasierte Studien und stichhaltige Beweise zu den aufgestellten Thesen.

Das ist das klassische Merkmal von Pseudowissenschaft: Man pickt sich Studien und Meinungen anderer, die die eigene Position untermauern, als „Beweise“ heraus. Wir hätten uns gewünscht, dass verschiedene Meinungen einander sachlich und wertfrei gegenübergestellt und die gesamte Studienlage objektiv dargelegt werden. Die Zuschauer hätten sich dann selbst entscheiden können, welche Position für sie die plausiblere ist.

2. Spärliche Literatur, geringe Probandenzahlen als Basis

Wir haben uns die im Film genannten Studien genauer angeschaut. Die meisten hatten eine sehr geringe Probandenanzahl. Jene Untersuchung, die im Film als sehr bedeutungsvoll dargestellt wird, wurde z. B. nur an 11 Probanden durchgeführt [1]. Das mindert in unseren Augen ihre Aussagekraft massiv.

Die seriöse Literatur, die den Einfluss von omnivorer, veganer und vegetarischer Ernährung auf die körperliche Leistungsfähigkeit von Athlet*innen untersucht, ist leider noch sehr spärlich. Es ist daher zum heutigen Stand der Wissenschaft aus unserer Sicht noch nicht möglich, so klare Aussagen treffen zu können. Eine im Jahr 2019 im Journal of the International Society of Sports Nutrition veröffentliche Studie an immerhin 76 Probanden lieferte erste Antworten. Sie hat gezeigt, dass keine der drei untersuchten Ernährungsformen (vegan, ovo-lacto-vegetabil, omnivor) gegenüber den anderen Vor- oder Nachteile hinsichtlich der körperlichen Leistungsfähigkeit hat [2].

essenzielles_The game changers3. Mangelnde Objektivität

Erwähnenswert ist das finanzielle Interesse des Oscar-prämierten Regisseurs James Cameron. Dieser ist nämlich nebenbei auch Gründer und Geschäftsführer von Verdient Foods, einem Hersteller von Erbsenprotein.

Auch der legendäre Arnold Schwarzenegger hat bei diesem Film als Co-Produzent mitgemischt. Es ist bekannt, dass „Arnie“, der sich seit kurzem vegan ernährt, mit seinen veganen Proteinshakes gutes Geld verdient.


Die oben erwähnte „Studie“ an 11 Personen wurde übrigens im renommierten (Achtung Ironie!) California Avocado Society 2012 Yearbook 95 veröffentlicht. Demnach wurde sie von der Avocadoindustrie finanziert. Das verschweigt man im Film natürlich. Wohl aber kritisieren die Macher, dass viele andere Studien von der Fleischindustrie finanziert würden, die im Film mit der Tabakindustrie gleichgestellt wird.


4. Vorsicht Falschaussagen

In Bezug auf haarsträubende Aussagen könnten wir ein ganzes Wochenendseminar füllen. Wir haben uns drei besondere Leckerbissen herausgepickt:

essenzielles_The game changers

Falschaussage Nummer 1: „Eine ‚plant-based‘ Ernährung kann Herzerkrankungen rückgängig machen.“

Starker Tobak und eine Behauptung, die man so nicht stehen lassen kann. Was die Hollywood-Star-Regisseure nämlich nicht erwähnen: Die Probanden der von ihnen zitierten Studie aus den 1990er Jahren – immerhin im Lancet publiziert – haben nicht nur ihre Ernährung auf fettarm und vegetarisch (nicht vegan!) umgestellt, sondern begonnen, insgesamt gesünder zu leben [3]. Sie haben zu rauchen aufgehört, mit Stressbewältigungstraining begonnen und sich mehr bewegt. Sehr wahrscheinlich ist die Summe der Lebensstilmaßnahme für den positiven Effekt verantwortlich. Im Film heißt es „das macht ‚plant-based‘“.

Falschaussage Nummer 2: „200 g Linsen liefern gleich viel Eiweiß wie 90 g Steak oder 3 Eier.“

Ein Blick in die Nährwerttabelle reicht und es wird klar, dass diese Aussage schlichtweg falsch ist.

essenzielles_The game changersEiweißgehalt ausgewählter Lebensmittel:

im Film zitierte PortionsgrößenEiweißgehalt
200 g Linsen (gekocht)14,8 g
90 g Rindfleisch19,8 g
3 Hühnereier18,75 g

Quelle: Souci-Fachmann-Kraut (2008): Die Zusammensetzung der Lebensmittel.

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Screenshot aus dem Film ‚The Game Changers’ (Links: “Plant burrito”, rechts: “Meat burrito”)

Falschaussage Nummer 3: „Fleisch macht dein Blutplasma milchig“

Im Film werden Bluttests bei drei Sportlern durchgeführt. Davor hatten sie entweder Burritos mit tierischem Eiweiß (Fleisch) oder Burritos mit pflanzlichem Eiweiß (Bohnen) gegessen. Die Sportler sind beim Anblick ihrer Blutproben geschockt. Bei jenen, die nach dem Fleischverzehr gewonnen wurden, ist das Blutplasma milchig. Das, so der Experte, verschließe die Arterien.

Wir haben in Bezug auf die Aussagekraft einer solchen Darstellung einen Biomedizinischen Analytiker (= Labormediziner) des Reha-Zentrums für Stoffwechselerkrankungen in Bad Aussee befragt. Hier seine Meinung dazu:

  • Nahrungsbestandteile kommen im Blut an, das ist völlig normal.
  • Isst man Fetthältiges (egal ob Fleisch, Wurst, Pflanzenöl, Nüsse), gelangt dieses über den Leberkreislauf ins Blut. Unmittelbar nach einer fetthaltigen Mahlzeit ist das Blut daher „lipämisch“ (Lipide=Fachausdruck für Fett). Sichtbar ist dieses Fett durch eine gewisse Trübung des Plasmas, das im Extremfall sogar wie Rahm ausschauen kann. Es ist aber eine Momentaufnahme, die nichts über die Gesundheit unserer Arterien aussagt.
  • Ein paar Stunden nach einer fetthaltigen Mahlzeit zeigt sich ein völlig anderes Bild. Denn die im Blut zirkulierenden Fette sind dann – zumindest bei stoffwechselgesunden Personen – Großteils entweder in Muskelenergie umgewandelt oder im Unterhautfettgewebe deponiert worden.
  • Blutabnahmen werden deshalb üblicherweise nüchtern, also nach mindestens 12 Stunden Nahrungskarenz gemacht. Und nicht so wie im Film direkt nach dem Verzehr von Burritos mit oder ohne Fleisch. Nur die Werte im Nüchternblut haben eine Aussagekraft darüber, wie es um die Ernährung und im weitesten Sinne Gesundheit der Arterien bestellt ist.

Daran reihen sich noch viele weitere Falschaussagen, die an anderer, fachlich fundierter Stelle ausführlich diskutiert werden [4].

essenzielles_The Game changersUnser essenzielles Resümee

Wir haben absolut nichts gegen vegane oder vegetarische Ernährung im Sport. Wir kennen Sportler – unter ihnen der beste Mittelstreckenläufer Österreichs Andreas Vojta von laufheld.com – die komplett auf tierische Produkte verzichten und sportliche Bestleistungen erbringen. Dafür muss man aber ein wirklich profundes Wissen haben, was man wie kombinieren und essen muss, damit der Nährstoffbedarf auf Dauer gedeckt ist.

Auch bei uns bekommen Gemüse, Getreide, Linsen, Bohnen, Nüsse und hochwertige pflanzliche Öle den größten Platz am Teller. Ab und zu essen wir aber gerne mal ein gutes Stück Bio-Fleisch oder ein paar Blatt Schinken. Ohne Milchprodukte und Eier aus biologischer Landwirtschaft könnten wir uns einen genussvollen Speisealltag einfach nicht vorstellen – zumal wir selbst gerne sportlich aktiv sind und Sojaprodukte einfach geschmacklich nicht so unser Ding sind.

Wogegen wir uns verwehren:

  • Scheinobjektivität, die vorgibt wissenschaftlich fundiert zu sein.
  • Film-Produzenten mit wirtschaftlichen Interessen, die Studienergebnisse so verdrehen, dass der Zuseher kein vollständiges Verständnis der Forschung erhält.
  • Schwarz-Weiß-Denken, gut oder böse, Fleisch oder Pflanze. Das ist nicht hilfreich. Gesund ist, eine möglichst große Vielfalt an Lebensmitteln zu essen.

Der Umstieg von Tier zu Pflanze als Solomaßnahme wird Sie keinen Zentimeter weiter und keine Sekunde schneller machen wie das der Film suggeriert. „Vegan“ bedeutet nicht automatisch „vollwertig“. Denn auch z. B. Weißbrot, Kartoffel-Chips oder zuckersüße Zerealien können vegan sein, liefern dem Körper aber kaum wertvolle Nährstoffe.

Wer auf eine vegane Ernährung umsteigen möchte, lässt sich am besten qualifiziert (Ernährungswissenschafter/in, Diätologe/in) beraten. Man muss lernen, wie kritische Nährstoffe (Eisen, Vitamin D, B12, Zink, Kalzium, Eiweiß und Omega-3-Fettsäuren) nicht zu kurz kommen. Und sie sollten durch regelmäßige Kontrollen der (Voll)Blut-Analysen sowie der Knochendichte im Auge behalten werden. Warnen möchten wir unbedingt vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln im Gießkannenprinzip. Hier kann mitunter sogar Schaden an der Gesundheit entstehen. Ein Beispiel dafür ist das Eisen. Lesen Sie dazu unseren Blogartikel Eisen-Präparate für Sportler – sinnvoll oder gefährlich?.

Weil vegane Ernährung so ein spannendes Thema ist, werden wir demnächst in einem weiteren Artikel darauf eingehen, worauf vegan lebende Sportler in ihrem Essalltag achten müssen. Bleiben Sie also mit uns Kontakt und melden Sie sich zu unserem Newsletter an.

 

 

 

 

 

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