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Aus aktuellem Anlass: Irrtümer rund um Ernährungsirrtümer

Karin Michels

Mit ihrer Aussage „Kokosöl ist das reine Gift“ hat Prof. Dr. Dr. Karin Michels eine heftige Debatte und eine Welle der medialen Berichterstattung angestoßen. Bei allem Respekt vor der ehemaligen Harvard-Professorin (Schwerpunkt Epidemiologie) haben wir ihre Aussagen kritisch unter die essenzielle Lupe genommen.

1.288.962 Mal wurde ihr Vortrag „Kokosöl und andere Ernährungsirrtümer“ zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Blog-Artikels auf youtube bereits aufgerufen. Die Medizinerin vom Uniklinikum Freiburg beschäftigt sich nach eigenen Angaben seit 40 Jahren mit dem Thema Ernährung. Auch wenn sie mittlerweile in einem öffentlichen Statement [1] wieder etwas zurückrudert, bleibt der verunsicherte Konsument ratlos zurück.

Wir haben dazu wie immer sorgfältig recherchiert. Denn die 1.288.959 Personen, die außer uns das Video geschaut haben, haben ein Recht darauf, korrekt informiert zu werden. Was uns dazu befähigt? Neben dem einschlägigen Fachstudium Ernährungswissenschaften, gemeinsam fast 50 Jahre Expertise im Bereich Ernährung – und damit 10 Jahre mehr als Prof. Michels  😉

 Falschaussage 1: „Margarine ist noch schlimmer als Kokosöl…

…denn sie wird mit künstlich gehärteten Fetten hergestellt.“ Sie enthalte deshalb Transfettsäuren, die eine Gefahr für die Gesundheit der Gefäße darstellen, meint Prof. Michels.

Auch wenn wir uns selbst aus Geschmacksgründen lieber Butter auf’s Brot streichen, müssen wir dieser Aussage vehement wiedersprechen. Und es erstaunt uns ehrlich, dass es sich noch nicht bis zu Frau Professor Michels durchgesprochen hat, dass zumindest hochwertige Marken-Margarine schon seit Mitte der 1990iger Jahre so gut wie transfettsäurefrei ist.

Butterbrot Der Grund dafür ist, dass keine teilgehärteten Fette (erkennbar in der Zutatenliste als „Fette teilweise gehärtet“ bzw. „teilweise gehärtete Fette“) mehr Verwendung finden, die als einzige Quelle für künstliche Transfettsäuren (TFS) gelten. Vollständig durchgehärtete Fette (erkennbar in der Zutatenlisten als „(ganz) gehärtete Fette“) enthalten hingegen keine TFS und sind daher gesundheitlich unbedenklich.


Hausgemachter Palmölboom

Die große Sorge vor Transfettsäuren hat viel dazu beigetragen, dass heute Palmfett in fast allen Produkten als Fettquelle verwendet wird. Warum? Da kaum ein Konsument – und wie man sieht auch Experten – zwischen teil- und durchgehärteten Fetten unterscheiden konnte, wurde gehärtetes Fett generell verteufelt. Die Industrie suchte nach einem Ausweg. Palmfett ist von Natur aus fest und muss nicht gehärtet werden. Somit könnte man fast sagen, dass wir als Konsumenten den Palmölboom mitverursacht haben.

Transfettsäuren in Österreich gesetzlich streng limitiert

In Österreich verbietet die Transfettsäuren-Verordnung seit 2009 das Inverkehrbringen von Fetten und Ölen und daraus hergestellten Lebensmitteln mit gesundheitsschädlichen Mengen an künstlichen Transfettsäuren.


Falschaussage 2: „Kohlensäure führt zu Übersäuerung und erhöht den Blutdruck“

Die Theorie der Übersäuerung ist nach wie vor sehr populär und mit „Basen-Produkten“ wird dem gutgläubigen Konsumenten eine Menge Geld aus der Tasche gezogen. Das aber aus dem Mund einer Medizinerin zu hören, erstaunt uns doch sehr.

Ohne uns zu sehr in die Grundlagen des Säure-Basen-Haushalts zu vertiefen, möchten wir festhalten: Der gesunde Mensch verfügt über wirksame Stoffwechselwege, die den pH-Wert im Blut bei Abweichungen (z. B. erhöhte Laktatwerte nach intensivem Training) wieder in den Normalbereich bringen.


Ein saurer Harn (wie er mit im Reform-/Apothekenhandel erhältlichen Teststreifen zur Säurebelastung gerne nachgewiesen wird) ist kein Hinweis auf eine Übersäuerung, sondern ein Hinweis darauf, dass die Säureausscheidung des Körpers optimal funktioniert.


Kohlensäure wird im Rahmen des Stoffwechsels ständig im Körper gebildet. Sie entsteht immer dann, wenn Kohlendioxid auf Wasser trifft – Mineralwasser ist ja auch nichts anderes als mit Kohlendioxid versetztes Wasser. Allerdings ist diese Verbindung nicht sehr stabil, weshalb Kohlendioxid sehr rasch wieder entweicht – z. B. wenn Sie eine Mineralwasserflasche öffnen merken Sie am „Pffft“, dass ein Teil der Kohlensäure entweicht.

Gleiches passiert im Körper – Kohlensäure zerfällt sehr rasch in Wasser und Kohlendioxid, welches wir wieder ausatmen.

Fazit: Kohlensäure ist sauer, das sagt auch schon der Name. Allerdings ist sie mit einem pH-Wert von 4 keine besonders starke Säure und sie trägt aufgrund ihrer Flüchtigkeit nicht zur Übersäuerung des Körpers bei.

Wie könnte das mit dem Blutdruck gemeint gewesen sein? Eventuell verwechselt Frau Prof. Michels da etwas. Denn Bluthochdruck-Patienten wird empfohlen, sich natriumarm zu ernähren. Natrium kann nämlich bei salzempfindlichen Menschen den Blutdruck erhöhen. Einer der Tipps in dem Zusammenhang lautet: Greifen Sie zu Mineralwassersorten mit unter 200 mg Natrium/l.

Falschaussage 3: „Wenn Sie sich vor Krebs schützen wollen, empfehle ich einfach ungesättigte Fettsäuren“

Hoppla, woher kommt denn diese Weisheit? Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die für das Kapitel „Fettzufuhr und Prävention von Krebskrankheiten“ [2] in ihrer wissenschaftlichen Fettleitlinie mehr als 70 wissenschaftliche Studien gesichtet hat, kommt nämlich zu folgendem Schluss:

„Zwischen der Zufuhr von einfach ungesättigten Fettsäuren (Anmerkung: wie sie z. B. reichlich in Olivenöl oder sogar in Schweinschmalz vorkommen) und dem Risiko für einzelne Krebskrankheiten besteht mit wahrscheinlicher Evidenz kein Zusammenhang.“ Im Fazit ergänzt die DGE, dass derzeit aufgrund der Studienlage noch keine klare Aussage getroffen werden kann.

DGE-FettleitlinieFalschaussage 4:  „Limonaden werden mit Maissirup hergestellt“

Eine weitere von Michels Thesen. Unsere Kinder würden deshalb an Leberverfettung leiden, weil sie zu viele Softdrinks (Cola, Limonaden) trinken. Maissirup – auch als High Fructose Corn Syrup bekannt – besteht nämlich zu einem Großteil aus Fruktose.

Dieser Zucker, der so natürlich klingt, ist tatsächlich ein Wolf im Schafspelz. Er wandert aus dem Darm direkt in die Leber und wird dort in Fettsäuren umgewandelt. Diese werden entweder in Energie umgewandelt, oder – wenn gerade keine Energie benötigt wird – in Fett, das sich bevorzugt in der Leber selbst ablagert. Auf diese Weise kann ein Überschuss an Fruktose das Risiko für die nicht-alkoholische Fettleber erhöhen.

Natürlich heißen wir es genauso wenig gut, wenn Kinder und Jugendliche Limonade als Durstlöscher trinken. Landen zu viele flüssige Kalorien im Magen kommt die Kalorienbilanz leicht aus dem Lot. Das wiederum begünstigt – vor allem gepaart mit Bewegungsmangel – letztlich Übergewicht.

Dass Maissirup viel Fruktose enthält und deshalb das Risiko für eine Fettleber erhöht, ist ebenfalls korrekt. Und auch, dass bereits mehr und mehr Jugendliche mit diesem Gesundheitsproblem zu kämpfen haben.

Falsch ist jedoch, dass Limonaden und Cola-Getränke mit Maissirup hergestellt werden. In den USA – ja, (noch) nicht aber bei uns. Wer auf die Zutatenliste schaut, wird dort in heimischen Supermärkten überwiegend „Zucker“ oder im Fall der Diät-Limonaden einen Süßstoff aufgelistet finden.

Falschaussage 5: „Essen Sie viele flüssige Gemüseöle!“

Wie bitte? Gemüseöle? Falls Sie den Vortrag auch verfolgt und sich gefragt haben, was damit gemeint ist, hier die Antwort: Die Engländer sagen zu Pflanzenölen „vegetable oils“. „Vegetable“ heißt übersetzt „Gemüse“ – es handelt sich also um eine wörtliche Übersetzung des Begriffs vegetable oils, die vermutlich ihrem USA-Aufenthalt geschuldet ist.

Wir sagen Pflanzöle und gemeint sind Öle, die aus Pflanzensamen (z. B. Sonnenblumen, Kürbiskernen, Sesam, Raps, Leinsamen) gewonnen werden. Also, alles gut: „Essen Sie flüssige Pflanzenöle!“ – jawohl, aber die Menge sollte dennoch im Rahmen bleiben!

„Flüssig“ betont Prof. Michels deshalb, weil es auch feste Pflanzenöle gibt, z. b. Palmfett, Kokosöl. Letzteres besteht zu 92 % aus gesättigten Fettsäuren, die Ihr Herz und Ihre Gefäße so gar nicht mögen. Je mehr gesättigte Fettsäuren ein Fett besitzt, desto fester ist es bei Raumtemperatur.

Und damit wären wir beim Stein des Anstoßes, jenem Sager, der Prof. Michels weit über 1 Mio Clicks auf youtube beschert hat.

Ist Kokosöl nun das reine Gift?

Auch wenn wir es ein bisschen weniger reißerisch schon in einem früheren Blog-Artikel „Superfett Kokosöl – ist es wirklich so gesund?“ [3] für Sie recherchiert haben, stimmen wir in Bezug auf Kokosöl mit Prof. Michels überein. Alles, was sie sagt, ist in der Sache korrekt.

KokosoelGleiches gilt für exotische Superfoods wie Gojibeeren, Matchapulver und Chia-Samen, über die wir bereits ausführlich in unserem Buch QuintESSENz [4] geschrieben haben. Hier gehen wir ebenfalls d’accord mit Prof. Michels.

Unterm Strich sehen wir die Sache mit dem Kokosöl so: Wer dieses Öl hin und wieder für asiatische Gerichte verwendet, braucht keine Gesundheitsgefahr zu fürchten. Dass das Öl aber beim Abnehmen helfen und vor allerlei Krankheiten schützen soll, ist schlichtweg falsch.

In Bezug auf Superfood plädieren auch wir dafür, „local heroes“ wie Leinsamen, Johannis- oder Hollerbeeren sowie Kohlgemüsen den Vorzug zu geben.

KohlgemueseIn weiten Zügen besteht also Konsens mit den Aussagen Michels‘. Wir wollen abschließend auch darüber hinwegsehen, dass sie den Begriff Mikrobiom falsch verwendet, denn streng genommen ist das Mikrobiom nicht die Gesamtheit aller kleinen Lebewesen im Darm, sondern deren genetisches Material. Korrekt wäre der Begriff Mikrobiota gewesen.

Aufgrund der umfangreichen medialen Berichterstattung und großen Reichweite dieses Videos wollten wir es uns aber nicht nehmen lassen, dazu Stellung zu nehmen.

Denn nun – am Ende des Artikels angekommen – sind es schon um rund 25.000 mehr und insgesamt 1.314.421 Personen, die das Video gesehen und damit so manchen Ernährungsirrtum gehört haben.

 

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