Ist eine basische Ernährung für Sie sinnvoll?

Von essenzielles
Zitrone

Wie oft sind Sie in den letzten Monaten über Inserate zu Basenpulver, Basenfasten oder Basentees gestoßen? Haben Sie schon mal überlegt, ob eine basische Ernährung für Sie Sinn macht? In diesem Blogartikel verraten wir Ihnen

  • ob säurebildende Lebensmittel tatsächlich krank machen,
  • wie unser Körper sein Säure-Basen-Gleichgewicht aufrecht hält,
  • dass eine basische Ernährung Vorteile und Nachteile für die Gesundheit bringt und
  • wovon Sie lieber die Finger lassen sollten.

Saures Essen soll uns krank, basische Ernährung gesund machen?

Die Theorie, dass ein Ungleichgewicht zwischen Säuren und Basen im Körper Krankheiten verursachen könne, ist etwa 300 Jahre alt. Prominente Anhänger Anfang des letzten Jahrhunderts waren die Ärzte Franz Xaver Mayr und Maximilian Bircher-Benner. Noch heute folgen viele alternativmedizinische Ernährungslehren diesem Ansatz aus der Ära, als über den menschlichen Stoffwechsel noch wenig bekannt war.

So soll eine Ernährung, in der „saure“ Lebensmittel dominieren, krank machen. Bircher-Benner warnte davor, dass dadurch „unheilvolle chronische Krankheiten wie das Rheuma, die Arteriosklerose, die Gicht, die Zuckerkrankheit und die multiple Sklerose zu gedeihen vermögen.

Das aus dem Lot gebrachte Säure-Basen-Verhältnis – von den Verfechtern dieser Theorie „Übersäuerung“ genannt – müsse man durch basische Ernährung wieder ins Gleichgewicht bringen.

Mittlerweile hat sich aus dieser Theorie ein eigener Wirtschaftszweig entwickelt. Damit werden Millionen verdient:

  • Basenpulver
  • Basentees
  • Basen-Strümpfe
  • Basenfastenkuren.

Das (Halb)Wissen hinter der Theorie „basischer Ernährung“

In die Gruppe der „basischen“/“alkalischen“ Lebensmittel wird alles Pflanzliche (Ausnahme Hülsenfrüchte, Getreide) eingeordnet:

  • Gemüse
  • Salat
  • Obst
  • Kartoffeln
  • bis hin zu Zitronensaft.

GemüseÖle verhalten sich im Stoffwechsel neutral.

Zur Kategorie „saure“ Lebensmittel zählen:

  • Süßigkeiten
  • Wurst und Fleisch
  • Milchprodukte
  • Eier
  • Fisch
  • Hülsenfrüchte
  • Getreide(produkte)

Nach dem Verzehr dieser „Säurebildner“ ist infolge des Eiweißabbaus, bei dem vermehrt Säuren freigesetzt werden, ein niedriger pH-Wert im Harn (= mehr Säure) messbar als nach dem Verzehr von Gemüse und Obst. Über die Aussagekraft solcher Ergebnisse erfahren Sie weiter unten mehr.

Vollkorn-Getreide und Hülsenfrüchte zählen übrigens zu den „guten Säurebildnern“, die in Maßen erlaubt sind, jedoch unbedingt mit basischen Lebensmitteln kombiniert werden sollten. Getreideprodukte aus Weißmehl sind wiederum „schlechte Säurebildner“.

Eine „Übersäuerung“ könne unangenehme Folgen haben:

  • Man sei müder als sonst,
  • erschöpft,
  • empfindlicher für Stress
  • und die Knochen könnten Schaden nehmen.
  • Die Säuren sollen sich in neutralisierter Form als sogenannte „Schlacken“ im Körper ablagern.

FleischDas Wissen, um diese Theorie zu widerlegen

Wie sauer oder basisch eine Körperflüssigkeit ist, wird mit dem so genannten pH-Wert angegeben:

  • pH-Wert 0-6,9 = sauer
  • pH-Wert 7 = neutral
  • pH-Wert ab 7,1 = basisch (alternativer Begriff: alkalisch).

Damit wir gesund bleiben, muss in jedem Körperbereich ein passender pH-Wert vorherrschen.

Der Magensaft ist mit einem pH-Wert zwischen 1 und 3 der sauerste Bestandteil des menschlichen Körpers. Und das ist gut so. Denn dieser hohe Säureanteil ist notwendig, damit eiweißreiche Nahrung verdaut und krankmachende Keime, die wir mit der Nahrung aufnehmen, unschädlich gemacht werden. Speichel ist schwach sauer, die Verdauungssäfte schwach basisch. Der Säurewert des Harns schwankt – je nachdem was wir gegessen haben.

Das Blut weist immer einen pH-Wert zwischen 7,35 und 7,45 auf und ist damit schwach basisch. Bereits geringe Abweichungen – egal ob nach oben oder nach unten – würden hier zu gravierenden Gesundheitsproblemen führen.

Etwaige Schwankungen werden rasch abgepuffert. Lunge, Niere und Haut leisten hier ganze Arbeit. Dieses ausgeklügelte System schafft es bei gesunden Menschen, täglich sehr große Säuremengen auszugleichen bzw. auszuscheiden.


Wussten Sie, …

…dass unsere Atmung den Säure-Basen-Haushalt des Blutes steuern kann? Spürbar ist das z. B. wenn Sie einen sehr großen Luftballon aufblasen. Dabei wird Ihr Blut kurzfristig basisch. Beim Aufblasen atmen Sie nämlich vermehrt Kohlendioxid (C02) aus, welches im Blut in Form von Kohlensäure gelöst ist. Dadurch wird das Blut weniger sauer – also basischer, was ein Schwindelgefühl auslöst. Beenden Sie das Aufblasen des Luftballons, normalisiert sich der pH-Wert im Blut und das Schwindelgefühl verschwindet.


Ein „saurer Harn“ sagt gar nichts aus

Wenn Ihr Darm Lebensmittel verdaut und die Nährstoffe in Einzelteile zerlegt, entstehen entweder saure oder basische chemische Verbindungen. Saure Verbindungen geben viele Wasserstoff-Ionen (H+) ab, basische Verbindungen können diese aufnehmen – also neutralisieren.

Damit das Säure-Basen-Gleichgewicht im Lot bleibt, werden sowohl überschüssige Säuren als auch überschüssige Basen über die Nieren mit dem Harn ausgeschieden. Im Gegensatz zum Blut, dessen pH-Wert immer zwischen 7,35 und 7,45 liegen muss, kann daher der Säure- oder Basen-Anteil des Harns stark schwanken.

UrinbecherHände weg von Basenpulver & Co

Sollten Sie also zur Sicherheit Ihren Harn regelmäßig auf seinen pH-Wert überprüfen? Und – falls dieser sauer ist – eine „basische Ernährung“ einhalten? Vielleicht sogar mit Basenpulver nachhelfen? Klares Nein! Denn ist Ihr Harn sauer, sagt das nichts über den pH-Wert Ihres Blutes oder Ihren Gesundheitszustand aus. Es ist kein Hinweis auf eine „Übersäuerung“ des Körpers, wie vielfach behauptet wird. Es beweist lediglich, dass Ihr Puffersystem im Körper bestens funktioniert.

Krankhafte Störungen des Säure-Basen-Haushalts sehr selten

Liegt der pH-Wert des Blutes unter 7,35 spricht man von einer Azidose (=Übersäuerung). Diese kann bei Personen mit geschwächter Lungenfunktion (z. B. bei COPD) oder Personen mit schlecht eingestelltem Diabetes mellitus (metabolische Azidose bzw. Ketoazidose) auftreten. Eine solche massive Übersäuerung kann im allerschlimmsten Fall zum Koma führen.


Ketoazidose ist nicht gleich Ketose

Bei einer Ketose ist die Konzentration von Ketonkörpern erhöht. Ketonkörper sind eigentlich harmlose Stoffwechselprodukte, die

  • in Hungerphasen (z. B. beim Fasten),
  • bei einer kohlenhydratarmen Ernährung (z. B. Keto-Diäten)
  • oder infolge Insulinmangel beim Diabetiker entstehen.

Da dem Körper in diesen Fällen kein Zucker zur Energiegewinnung zur Verfügung steht, bildet er Ketonkörper aus Fett, um Energie für Gehirn und Muskeln bereitzustellen.

Bei absolutem Insulinmangel (z. B. bei noch nicht diagnostiziertem Diabetes) hält dieser Zustand  unbehandelt über einen längeren Zeitraum an. Dann kommt es zu einem gefährlichen Anstieg dieser Ketonkörper im Blut. Kommt es infolge dessen zu einem Absinken des Blut-pH unter 7,35 spricht man von einer lebensbedrohlichen Ketoazidose und der Patient kann ins Koma fallen.


Basische Ernährung ist grundsätzlich eine gesunde Ernährungsweise

In der Frage, zu welchen Lebensmitteln man in einem gesunden Essalltag vermehrt greifen sollte, geben Ernährungswissenschaft und basische Lehre nahezu die gleiche Antwort:

  • Gemüse
  • Obst
  • Öle, Nüsse, Saaten
  • Vollkorngetreideprodukte
  • wenig Süßigkeiten
  • selten Fertigprodukte.

Die ohnehin vernachlässigte Gruppe der Hülsenfrüchte würden wir gerne öfter auf den Tellern sehen. Linsen, Bohnen, Kichererbsen liefern wertvolles pflanzliches Eiweiß und verwöhnen unsere Darmbakterien mit löslichen Ballaststoffen. Gute Voraussetzungen für einen gesunden Fettstoffwechsel und damit gute Herzgesundheit.

HülsenfruechteGeht es jedoch um tierische Produkte, sind die beiden Lager gespalten. Wir gehen zwar d’accord, dass ein Zuviel an Fleisch und vor allem Wurst ungünstig ist. Fleisch, Eier, Fisch, Käse und andere Produkte aus tierischem Eiweiß als sogenannte „schlechte“ Säurebildner gänzlich aus dem Essalltag zu verbannen sind, dagegen verwehren wir uns.

Wir Ernährungswissenschafter sehen das etwas moderater und empfehlen für Erwachsene bis zu 450 Gramm Fleisch (inkl. Wurstwaren), ein bis zweimal Fisch sowie mehrere Eier pro Woche. Milch, Joghurt, Käse und Co dürfen, für stabile Knochen gerne täglich auf dem Speiseplan stehen.

Wissenschaftlich nicht belegt

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät von einem kompletten Verzicht auf säurebildende Lebensmittel ab. Sie vermisst die wissenschaftlichen Beweise, wofür das gut sein soll. „Weder die Existenz von Schlacken im Körper ist nachgewiesen noch die Annahme, dass säurebildende Lebensmittel den Säure-Basen-Haushalt des Körpers stören.“, so die DGE. Weil lebenswichtige Nährstoffe auf Dauer zu kurz kommen, rät die DGE insbesondere von langfristigem Basenfasten ab [1].

Knochen wird durch Säureüberschuss nicht geschwächt

Da immer wieder die Milch kritisch erwähnt wird und diese laut Basen-Theorie-Verfechtern den Knochen durch Übersäuerung bis hin zur Osteoporose schädigt, sei hier eine aussagekräftige Studie zitiert:

Eine Forschergruppe zeigte, dass eine sogenannte säurebetonte Ernährung keine negativen Auswirkungen auf die Knochengesundheit hat. Wurde mehr Säure mit dem Urin ausgeschieden, stieg auch die Ausscheidung der Kalzium-Menge. Dieses ausgeschiedene Kalzium stammte allerdings nicht aus den Knochen, sondern war vermehrt aus der Nahrung aufgenommen worden [2].

Milch mit ErdbeereBasenpulver produziert teuren Harn und öffnet Tür für Krankheitskeime

Basentheoretiker warnen vor einer Übersäuerung des Körpers. Was wir wirklich ätzend finden (nettes Wortspiel in diesem Zusammenhang) ist, dass die Anhänger der Basentheorie gutgläubigen Konsumenten das Geld aus der Tasche ziehen: Basenpulver und teure basenfördernde Nahrungsergänzungsmittel sollen einen Basenüberschuss im Körper erwirken.

Das ist Unsinn und weder möglich noch sinnvoll!

Nicht möglich deshalb, weil ein Überschuss an Basen von den körpereigenen Puffersystemen ausgeglichen und über die Nieren ausgeschieden wird. Schließlich will das Blut in einem sehr engen pH-Bereich gehalten werden. In Wahrheit erzeugen Basenpulver also lediglich einen teuren Harn.

Sinnvoll ist es deshalb nicht, weil das Basenpulver die überaus wichtige Säure des Magensafts teils neutralisiert. Dadurch wird möglicherweise die Verdauung gestört und etwaige mit der Nahrung aufgenommene Krankheitserreger hätten leichteres Spiel.

Basenpulver haben nur einen Sinn für folgende zwei Gruppen:

  • Personen mit einer zu hohen Magensäureproduktion / Sodbrennen
  • Personen, die am Verkauf derartiger Produkte verdienen (Achtung Ironie!)

BasenpulverUnser essenzielles Resümee

  • Nach dem Verzehr eiweißreicher Lebensmittel (Fleisch, Wurst, Eier, Käse, Fisch etc.) entstehen im Stoffwechsel Säuren.
  • Ein gesunder Körper scheidet diesen Säureüberschuss vor allem über die Nieren wieder aus. Dadurch wird wieder ein Gleichgewicht zwischen Säuren und Basen hergestellt.
  • Gesunde Nieren können auch bei stark säurebildender Nahrung die anfallenden Wasserstoff-Ionen effektiv ausscheiden, so dass der pH-Wert im Blut bei einem gesunden Menschen immer in einem normalen Bereich bleibt. Nur intensive körperliche Anstrengung bildet hier die Ausnahme.
  • Gemüse und Obst enthalten reichlich basisch wirkende Mineralstoffe und Spurenelemente, welche die im Stoffwechsel anfallende Säure neutralisieren.
  • Basenpulver sind nur vorrübergehend für Patienten mit Magengeschwüren oder chronischer Gastritis zu empfehlen. Keinesfalls als Dauermedikation.

Ohne Zweifel ist ein Essalltag mit reichlich Gemüse, Nüssen, moderaten Mengen Obst und Vollkorngetreideprodukten absolut empfehlenswert. Gerne können Sie auch „basische Ernährung“ dazu sagen, wenn es dann noch leichter fällt, vermehrt zu diesen Lebensmitteln zu greifen.

Milchprodukte und Hülsenfrüchte aus Angst vor einer Übersäuerung wegzulassen, können wir aber keinesfalls unterstützen. Dafür sind diese Lebensmittelgruppen einfach zu wertvoll.

Für die Empfehlung, Fleisch einzuschränken und auf Wurst gänzlich zu verzichten, gibt‘s wieder einen Daumen hoch von uns.

Die von Anhängern der Basenlehre ergänzend angepriesenen Produkte (Basenförderer in Form von Pulvern, Tees, in Lauge getränkten Strümpfen, Kuren) bringen keine zu erwartenden Vorteile mit sich, sondern machen uns nur sauer.

Zum Weiterlesen:

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